Schwere Kunst und schwere Waffen(Teil1)

Gerade bin ich mit der Heraufkunft meines 40. Geburtstags beschäftigt. Es ist ein verregneter Tag. Letzten Sommer habe ich in einem Text von mir Nietzsches Titel der 2.Unzeitgemäßen Betrachtung “Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben” entliehen.

Meine ersten, auf dem Studentenonlinemagazin heidexe.de veröffentlichten Texte hatte ich schon “Unzeitgemäße Betrachtungen” nach Nietzsche betitelt.

So wie ich für meinen Text “Vom Nutzen und Nachtheil des Krieges für das Leben” den Urtext Nietzsches nicht zur Hand, hatte und vielmehr damit Nietzsches bejahende aber differenzierte Haltung zum Kriege
biographisch und theoretisch konfrontieren wollte, so schreibe ich jetzt unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges über Vergessen, Erinnern, Einfügen und Erzählen von Aspekten des eigenen Lebens in die Kultur anlässlich meines 40. Jahrestages

Das abscheuliche Leben zur Schau

Durch ein Abstoßung durch Institutionen beruflicher Integration, kam ich zurück zum Abenteuer, zur Obesession des Anders-Seins und zum Willen zur Macht via Darstellung des Abgespaltenen, Verfehmten in der eigenen Biographie. Das heißt ich nahm den Rauswurf aus dem Rehabilitationsprogramm und wendete seine Schockwelle in eine von spontanen Einblicken in eine leerstehende Baracke in Gleisnähe angeleitete Umformung in ein Leben in den verlassenen Ruinen der einst staatlichen Deutschen Bahn.

Zwischen Gleisnost und Bahnsinn

Irgendwo zwischen der Stimulanz anhebender monumentalischer Geschichte, der Verortung im archivarischen Bücherwust und dem Willen zur kritischen Entfernung alter Erinnerungen, begann der sich deterritorialisierende Boden unter mir mich zum Tanzen zu bringen.
Der alte Türkenhut, den ich vor der Zerstörung des kritischen Historikers Elia, meines Vaters, gerettet hatte wurde am Ende der dicken Versorgungsrohre neben dem ehemaligen Kessel in der Bahnbaracke hindrappiert,genau wie mein alter Tempelritter aus Heidelberg, ein Symbol des Monumentalen und der minoritären Transzendenz, die aber schon erfasst war, von der Schwerkraft der zurückgebliebenen Sachen, die ich aber als wirklich Zurückgelassene ansah. Als Zeichen meiner Herkunft und anachistischen Prägung, hängte ich noch meine nicht mehr ganz wasserdichten roten 20-loch Stiefel dazu.

Tanz zwischen verbogenen Schienen

Sowohl das Monumentalische, meine Zeichen und Symbole, als auch das Antiquarische, also meine Schriften und Fressalien, ebenso das Kritische, der Neu-Bezug des Raumes über die Spuren anderer hinweg, konnten aber ins Ungleichgewichtige, ja Konfliktive umschlagen. So mancher Tanz wird eben heiß. Deswegen stand auch ein gutes Jahr nach dem vorläufigen Ende dieser Aktion der schweren Kunst das Wort Krieg,nicht das von Nietzsche benutzte Historie in dem lebenshistorisch reflektorischischen Text. Das Wort schwere Kunst habe ich von einem Freund, der das Nomadische auf dem Weg sein zur Seele als die, durchlebte, die schwere und tragische Kunst bezeichnet.

Krieg aller gegen alle:bellum omnium contra omnes

Gut gewählter Begriff.
Denn die Befindlichkeiten des “Krieges aller gegen Alle” , mit Hobbes Unsicherheit, Einsamkeit und Ekel stellten sich alsbald ebenso ein, wie
der Zustand des vorüberweidenden Glücks, des “an den Pflock des Augenblicks” geketteten Tieres, welches Nietzsche in seiner unzeitgemäßen Betrachtung über den Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, so erleuchtend, gegen den der Erinnerung und somit der Kultur fähigen Menschen stellt.
Die schweren Erinnerungen und Selbstvorwürfe kamen nämlich nicht in den einsamen Robinsonaden des zeitreichen und körperlich verletzlichen Lebens, sondern erst hernach nach der Wiedereinordnung in die Gewohnheitsmuster von kultivierten Menschen in der normierten Gesellschaft.

Schweres Leben
gegen schwere Waffen

Es war Sommer und dieser neue Raum eröffnete neue Beziehungen.
Leben als Unhistorisches, kurz angebundenes an die Augenblickslüste, dem Tiere gleich:
Es eröffnete sich in Inseln der Seeligkeit, um sich alsbald in harschem, auf den eigenen Körper und seine rissigen Hüllen Zurückgeworfensein abhärmen zu müssen. Tiere so lernte ich, haben viel Angst. Und diese Angst hält sie, doch in meinem Fall, äußerlich mit Menschen verwechselbar, in einer
von Erinnerungen persönlicher Natur freien Präsenz, um der puren Erhaltung willen. Hier wird der Körper zu der großen Weisheit, welche Nietzsche auf den Begriff brachte, als inkorporierte Geschichte, die von der Umgebung herausgefordert immer angepasstere Antworten zu geben vermag. Große Freude bereitete in dieser Zeit die Beziehung zu Elia und seiner arabischen Kultur und Sprache, sowie zu dem indischen Gesang der Bagavatgita, die ich wie genug Essen und trinken für die geldarme Gegenwart immer mit führte.
Die Aufrüstung, im Bewusstsein dieser Ungeschützheit des nicht bekleideten, nicht bürgerlichen Lebens fand bei mir, wenn überhaupt als eine Steigering der Wachheit, der Bereitschaft zu nehmen und zu geben statt. Nur war eben die Hauslosigkeit, welche auch Buddha und Jesus und unzählige auf der Suche nach dem heiligen und ewigen Leben wählten, alleine auch der ganzen Ablehnung der Kultur und den launen der Natur und ihrer Gewalten ausgesetzt.
Diese Ausgesetztheit sollte aber gerade das Potential in sich bergen Begegnungen seltener und seltsamer, mal gefährlicher, mal inspirierender Natur auszulösen.

Momo statt Memo

Findet Nemo fand ich schon immer interessant, irgendwann habe ich dann herausgebracht, dass Nemo niemand heißt, auch wenn ich den Fisch bis heute nicht gesehen habe. Transzendieren bedeutet aber laut Heidegger vor allem die Praksis des Daseins durch Dinge, sich Dinge auf Abstand zu halten. Zuhören ist eine intelligente Art und Weise das zu tun.
Momo als alssozusagen als die empfängliche Seite des einsamen Lebens in irgendeiner Wohnung sitzend und dann nach langer Pause hörst du ein Om, Om. Aber Mo Mo und Om Om bilden ohne paranoische Isolation und ängstliche Hysterie geradezu einen urnatürlichen Reim.
Die zwischen Lust und Last spielende nominielle Unzugehörigkeit im sozialen Überraschungsraum ist wohl eine Form des inkorporierten Zuhörens. Eine Art umherschweifendes Produzieren von unwahrscheinlichen Beziehungen und Störungen in der gesellschaftlichen Matrix. Von Michael Ende`s Momo weiß man ja, dass sie durch ihr Zuhören jede Menge Geh-schichten großer Weisheit in sonst eher weniger
seelenreich sich zeigenden Freunden ermöglicht hat. Für die isolierte und damit individualisierte memoria, gilt in ihrer gewohnten Form gleiches wie für ihre große Schwester, die Historia: Historia non docet: Die Geschichte lehrt nicht. Vorallem deshalb weil sie nicht von den Fähigkeiten ihrer Macher lernen will, sondern nur von den expertokratisch bewerteten Folgen dieser. Wie hieß das nochmal gerade am Vorabend des 1.Mai: Geschichte wird gemacht, Es geht voran. Es ist großgeschrieben in der antiödipalen Schizoanalyse eines Autorenpaares namens Deleuze und Guatarri auf der Suche nach Dolce und Gabana.

Die Lehre der Abhängigkeit

Kälte und Wärme zeigen sich für den Hauslosen als die Existenzen potentiell verweben und zertrennen könnende Dieseitigkeiten. Auf den Spuren der Freiheit war ich einmal in den hangigen Wäldern die meinen Geburtsort Blaubeuren umgeben gewandert. Ohne Hülle vertraute ich auf das Datum des 20.April. In einem Felsspalt lies ich mich nieder und deckte mich mit meiner Jacke zu. Um etwa 2.30 Uhr wachte mein Körper zitternd und bibbernd auf. Allerdings äußerte sich dieser intensive Körperzustand nicht in negativer Angst oder gar apathischer Verzweiflung, sondern versetzte meinen Bewegungsapparat in einen freudigen Lauf, der in großer körperlicher Sehnsucht nach Wärme gen Wohnsiedlungen hinabstieg.
Als ich den Lichtern nahe kam erinnerte ich mich einer seltsamen aber erfreulichen Begegnung…. to be continued

Farounfirewater, 30.04.22