Evolution

Revolution

“Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.”
(Rainer Maria Rilke, Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth)

“In der Welt der Internierung erklärt und entschuldigt der Wahnsinn nichts.Er tritt in eine Komplizität mit dem Bösen ein, um es zu vervielfachen, es nachdrücklicher und gefährlicher werden zu lassen und ihm neue Gesichter zu geben.”

(Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft, S.132)

“Es wird schon gehn!” ruft in den Lüften
Die Lerche, die am frühsten wach;
“Es wird schon gehn” rollt in den Grüften
Ein unterirdisch Wetter nach.
“Es geht!” rauscht es in allen Bäumen,
Und lieblich wie Schalmeienton:
“Es geht schon!” hallt es in den Träumen
Der fieberkranken Nation.

Die Städte werden reg und munter,
“Es geht!” erschallt’s von Haus zu Haus;
Schon steigt der Ruhm in sie hinunter
Und wählt sich seine Kinder aus.
Die Morgensonne ruft: “Erwache,
Oh Volk und eile auf den Markt!
Bring auf das Forum deine Sache!
Im Freien nur ein Volk erstarkt!

Trag’ all dein Lieben und dein Hassen
Und Lust und Leid im Sturmesschritt,
Dein geschlagnes Herz frei durch die Gassen,
Ja bring’ den ganzen Menschen mit!

Lass strömen all’ dein Sein und Denken
Und kehr’ dein Innerstes zu Tag!
Die Kindheit braucht dich nicht zu kränken,
Wenn du ein Kind von guten Schlag!”

Die Morgensonne ruft: “Erwache!”
Klopft unterm Dach am Fenster an;
” Steh auf und schau zu unsrer Sache,
Sie geht, sie geht auf guter Bahn!
Ich lege Gold auf deine Zunge!
Ich lege Feuer in dein Wort!
So mach’ dich auf, mein lieber Junge,
Und schlag dich zu dem Volke dort!”

Er eilt und es empfängt die Menge Ihn hoffend auf dem weiten Plan;
Stolz trägt sein Kind des Volks Gedränge
Zur Rednerbühne hoch hinan.
Nun geht ein Leuchten und Gewittern
Aus seinem Mund durch jedes Herz;
Durch goldne Säle weht ein Zittern-
Es wird schon geh’n, schon fließt das Erz.

Wie eine Braut am Hochzeitstage,
So ist ein Volk das sich erkennt;
Wie rosenrot vom heißen Schlage, Vom Liebespuls ihr Antlitz brennt!
Zum ersten Mal wird sie es inne,
Wie schön sie sei, und fühlt es ganz:
So steht in der Freiheitsminne
Ein Volk mit einem Siegeskranz.

Doch wenn es nicht von Güte strahlet
Wie eine hochbeglückte Braut,
So ist sein Lohn ihm ausgezahlet
Und seine Freiheit fährt ins Kraut.
Ein böses Weib, ein gift’ger Drache
Und böses Volk sind all ein Fluch
Und traurig spinnt die beste Sache
Sich in ihr graues Leichentuch!

(Gottfried Keller)

ES FOLGT DIE EWGE WIEDERKEHR, DES GLEICHEN….

Revolution

“Es wird schon gehn!” ruft in den Lüften
Die Lerche, die am frühsten wach;
“Es wird schon gehn” rollt in den Grüften
Ein unterirdisch Wetter nach.
“Es geht!” rauscht es in allen Bäumen,
Und lieblich wie Schalmeienton:
“Es geht schon!” hallt es in den Träumen
Der fieberktanken Nation.

Die Städte werden reg und munter,
“Es geht!” erschallt’s von Haus zu Haus;
Schon steigt der Ruhm in sie hinunter
Und wählt sich seine Kinder aus.
Die Morgensonne ruft: “Erwache,
Oh Volk und eile auf den Markt!
Bring auf das Forum deine Sache!
Im Freien nur ein Volk erstarkt!

Trag’ all dein Lieben und dein Hassen
Und Lust und Leid im Sturmesschritt,
Dein geschlagnes Herz frei durch die Gassen,
Ja bring’ den ganzen Menschen mit!

Lad strömen all’ dein Sein und Denken
Und kehr’ dein Innerstes zu Tag!
Die Kindheit braucht dich nicht zu kränken,
Wenn du ein Kind von guten Schlag!”

Die Morgensonne ruft: “Erwache!”
Klopft unterm Dach am Fenster an;
” Steh auf und schau zu und’rer Sache,
Sie geht, sie geht auf guter Bahn!
Ich lege Gold auf deine Zunge!
Ich lege Feuer in dein Wort!
So mach’ dich auf, mein lieber Junge,
Und schlag dich zu dem Volke dort!”

Er eilt und es empfängt die Menge Ihn hoffend auf dem weiten Plan;
Stolz trägt sein Kind des Volks Gedränge
Zur Rednerbühne hoch hinan.
Nun geht ein Leuchten und Gewittern
Aus seinem Mund durch jedes Herz;
Durch goldne Säle weht ein Zittern-
Es wird schon geh’n, schon fließt das Erz.

Wie eine Braut am Hochzeitstage,
So ist ein Volk das sich erkennt;
Wie rosenrot vom heißen Schlage, Vom Liebespuls ihr Antlitz brennt!
Zum ersten Mal wird sie es inne,
Wie schön sie sei, und fühlt es ganz:
So steht in der Freiheitsminne
Ein Volk mit einem Siegeskranz.

Doch wenn es nicht von Güte strahlet
Wie eine hochbeglückte Braut,
So ist sein Lohn ihm ausgezahlet
Und seine Freiheit fährt ins Kraut.
Ein böses Weib, ein gift’ger Drache
Und böses Volk sind all ein Fluch
Und traurig spinnt die beste Sache
Sich in ihr graues Leichentuch!

(Gottfried Keller)

Bariton und Sopran, zwei Interpreten am Freitag des Ukrainefestivals am Freitag 28.10 im Gleis 44
Verwandlungsraum der Stadtkultur: Rosarium des Botanischen Gartens zu Ulm