Wortschatzübung Wahrheit

        im Rahmen der Ulmer Friedenswochen

Macht Ohnmacht Wahrheit? Friedrich Bürgers an der Geige bei Brahms Ungarischem Tanz

Die Wahrheit ist hinter der Wahrheit, wer die Wahrheit erkennen will muss in die Tiefe denken und sich selbst vergessen

(gehört von Elia Baz)

Die Wahrheit wird euch frei machen

(Schriftzug über dem Gebäude der Universität Freiburg)

Die Wahrheit ist ein bewegliches Geschütz von Methaphern und Metonymien

(Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne)

Hinter den Kulissen

Moderne Menschen, Ausstellung im Museum Ulm(2021):”Joseph Beuys, ein Woodstock der Ideen”

Ich habe die Ankündigung über die letzte Veranstaltung der Ulmer Friedenswochen 2022 mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche unterschrieben und mit der Frage Macht Ohnmacht Wahrheit überschrieben.Das Zitat lautete “Ich kann Philosophen nur dahingehend etwas abgewinnen, also das sie ein Beipiel geben.” Die Vorgeschichte dessen erhab sich durch den schillernden und vielstimmigen Eindruck im Nachgang der sechs ungefähr sechsminütigen Lesungen von Intellektuellen aus Ulm in der dortigen Stadtbibliothek. Bis spät abends lies mich das scheinbar unzusammensetzbare Puzzle nicht los und erst die Lektüre des Textes “Wahrheit und Politik” von Hannah Arendt vermochte mir die unzusammenhängenden Bausteine in ein Ordnungsgefüge zu bringen. Jenseits der polykontextuellen Vielfalt von literarischen Zugängen zu dem Begriff waren mir drei Erlebnisse geblieben, sozusagen als Hintergrundstrahlung. Erstens ein Novum in meiner zwanzigjährigen Erfahrung mit kultureller Öffentlichkeit:Die Moderatorin hatte zweimal mit einer von mir als außerordentlich wahrgenommenen Beseltheit von einer “elitären Runde” gesprochen.Dies ganz im Sinne Nietzsches. Zweitens: Sie betonte mit einer großen Bestimmheit, hier würde nicht aus der Bibel gelesen, nachdem sie eingangs wiedersprüchlicherweise erwähnte, es würden in der Runde der Lesenden noch Kinder und Theologen fehlen. Ganz in der Geste Nietzsches. Drittens,dass ein sichtlich mitgenommener Mitmensch mich als einziger von sich aus an sprach und nach dem ich ihm Geld für sein morgiges Frühstück geschenkt hatte, sich als Christ outend, mich einen guten Menschen nannte. Worauf ich antwortete: Christenmensch lass ich mir gefallen, denn keiner ist gut, nicht einer. Ich hoffe im Sinne Jesu Christi.

Politik:Christine Buchholz, Friedenspolitische Sprecherin der Linken          

 

 

  

Die Kulissen

Fast voll war der Saal im Erdgeschoss der Stadtbibliothek; an diesem novembrigen vorletzen Septembertag,  der einem in seiner Tristesse,ohne Erinnerung im Kalendarium, von sich aus wenig Ausblick auf Erntedank und Tag der Deutschen Einheit gegeben hätte. Zwischen 40 und 50 Menschen meist über 50 spiegelten sich, fast die Vortragenden in den Schatten stellend, in den Pyramidenfenstern des Gebäudes. Demokratische Kunst oder elitärer Kreis? , dachte Es in mir fragend.

Wahrheit und Pflicht

Ein Faible für Personen mit Wahrheitsanspruch:Christian Katzschmann, Jena, Dramaturg am Theater Ulm

Wegen eines verspäteten Christian Katzschmann, seines Zeichens Dramaturg am Theater Ulm, trat die Werbung für ein neues Stück am Ulmer Theater hinter dem Gespräch mit dem Anwalt Götz A.Maier, und seiner Lesung des Kant-Textes: “Über ein vermeintliches Recht aus Menschenliebe zu lügen” an die zweite Stelle. Das dieser Text als einziger aus dem Zeitalter der Aufklärung noch in der Zeit der Monarchie, also der Einheit von Herrschaft und Gottesbegriff geschrieben wurde, ließ eine riesige Lücken zwischen diesem und den anderen Texten von Brecht, Twain und zwei von zeitgenössischen Sozial- und Naturwissenschaftlern klaffen. Nämlich philosophisch die Lücke die der Tod Gottes und soziologisch, die Lücke die die industrielle Revolution zwischen die Menschen und ihren Selbstanspruch als Menschheit gerissen hatte. Apropos Ulmer Friedenswochen:Nicht zu vergessen der Text des Chefdramaturgen, welcher im Gespräch davon zeugte, das Wahrhaftigkeit, also die diskursivierbare Form von Wahrheit, einen biographisch hohen Preis habe. Nietzsche selber hat seine großen Werke, ohne Stand und Geld in einem zehn jährigen Wanderdasein geschrieben.Im Roman “das große Heft”, der ab 8.10. im Theater Ulm umgesetzt wird, erzählen zwei  kriegsbedingt aus der Stadt aufs Land verschickte Kinder in Tagebüchern von ihrer Aneignung und Verarbeitung, des heuchlerischen ländlichen Exils.Allgemein mag der Vorlesende Menschen mit hohem Wahrheitsanspruch, also Menschen der Kunst, wie manche Figuren in den Romanen von Thomas Bernhardt.So erfinden die Kinder ,in dem Roman der von der nach dem Aufstand in Ungarn anno 1956 geflüchteten Agota Kristof  stammt,sich eine eigene vorsichtige und sachliche Sprache um die gewaltsamen Landmenschen zu beschrieben. Sie versagen sich durch Emotionen zu umschreiben, da Emotionen unscharf sind im  beschreiben. Und es ist verboten zu sagen Herr….  ist nett. Da es ja auch sein könnte, dass es sich als falsch erweist. Besser sagt man er hat uns etwas gegeben oder nicht. So entlarven die Kinder anhand ihrer moralischen Intuition die gewaltsamen Weltbildgebäude der Sich-im-Krieg-selbst-retten-Wollenden und bewahren sich via Sprache eine authenische Überlieferung wahrhaftiger Urteilskraft.

Wahrheit und Zeit

Moderatorin Wenzel(Free Fm) mit Götz A. Maier, Anwalt dem Leser des Kant-Textes im Gespräch über den Umgang mit Wahrheit im Berufsalltag

Bei Kant, der, zwar vernünftig eingeklammert aber doch noch Gott, Ewigkeit und Unsterblichkeit der Seele als Grundlagen seiner Argumentation gelten ließ, erscheint die Wahrheit, als persönliche Wahrhaftigkeit, beispielsweise bei einer Befragung eines Kommissars verstanden, noch als Pflicht. Lügen war, so leitete er in seiner berüchtigten Detailiertheit und Verschachteltheit her, für Kant nicht nur, wie die Anwälte sagen: “verboten wenn es Personen schade”, sondern allgemein, da die Lüge der Menschheit schade, denn ohne Pflicht kein Recht. Die Lüge mache die Rechtsquelle unbrauchbar. Daher Kants Schluss: “Wer also lügt müsse die Folgen vor dem obersten Gerichtshof tragen. Das erinnert mich an einen Film über die Geschwister Scholl. Was mich daran störte war das Sophie gelogen hat vor dem durch die Partei sozial aufgestiegenen Verhörer. Arendt konnte ja Brecht.”Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren” und Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik “es gibt keine höhere Kulturtendenz als die Vorbereitung und Erzeugung des Genius” nur durch die Erforschung der niederschlagende Periode des Totalitarismus zusammenführen. Erst als Michael Joukov, ein Vollblutpolitiker, der erst jüngst das Direktmandat für den Ulmer Sitz im Landtag zu Baden-Württemberg errungen hat auftrat, zeigte sich ein vielleicht positiver Aspekt des radikalen Bruchs den die moderne Demokratie hundert Jahre nach Kant mehrheitsfähig machte. Der Text “Wie ich für das Amt des Gouverneurs kandidierte”, datiert auf das Jahr 1870, also das Jahr in dem das monarchistische Deutschland sich damit trug, gegen das demokratische Frankreich zu Felde zu ziehen und in dem das 1776 in den USA, aus dem Untergrund rehabilitierte Presswesen, dort in den Rang der vierten Staatsgewalt in den geeinigten Flächentaaten aufgestiegen war. Nietzsche verehrte  die Engländer derzeit ironisch in dem er ihm die Erfindung des Schießpulvers zuschrieb und verachtete sie in dem er ihnen die Erfndung des Presswesens anlastete.

Wahrheit und Organisation

Michael Joukov(Landtagsabgeordneter der Grünen) mir(Anm. des Verf.)bekannt als Joukov-Schwelling bei der Lesung aus einem Text von Mark Twain´s

Was die Macht der Zitate, die Walter Benjamin, wie nur wenige Literaten des 20. Jahrhunderts erkannte hat, in der polykontextualen Moderne ausmacht, zeigte das Zitat, welches der ukraino-russische Jude ,dem relativ schlecht akzentuiert gelesenen Text, der zudem, laut Joukov schlecht übersetzt war folgen lies. Twain habe auch gesagt: “Die Wahrheit ist der Menschheit höchstes Gut, deshalb, muss man sparsam mit ihr umgehen”. Allgemeines Entspannungsgelächter im Publikum. In diesem Freiraum spricht ein ehrlicher Sympath. “Politik hat mit Wahrheit nicht viel zu tun. In der Politik geht es darum seine Chancen zu nutzen.Auch in dem Text Twains, geht es um die geballte und von der Leserschaft für wahr gehaltene üble Nachrede und Verleumdung der Medien, die den Kandidaten Twain, letzten Endes verzweifelt seine Kandidatur als Gouverneur des Staates New York zurückziehen lässt. Ganz im Sinne Nietzsches. Der Text werde sowohl in Russland als auch in Amerika viel gelesen, hingegen sei er in Deutschland beinahe unbekannt. “Ich habe ihn auch ausgewählt um ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen zu haben” parlierte der gewinnende ausgebildetet Ökonom und Inhaber einer IT-Firma. Das warf den ganzen geheuchelten und selbstwidersprüchlichen Talk mit Wenzel über die wissenschaftliche Erkenntnis, dass der zeitgenössische Mensch 200 mal täglich lüge und sich wie der Anwalt und Geschäftsführer von der Bezirksgruppe Ulm von Südwestmetall, Maier,formulierte darum bemühe  “ohne Lügen durch das Arbeitsleben” zu kommen um. Frau Wenzel meinte vorher Empathie und Wahrhaftigkeit stünden sich oft gegenüber,  Herr Maier meinte  manchmal wolle man mit Lügen einfach nur seine Interessen durchsetzen.Er versuche nicht zu lügen, aber man müsse Dinge natürlich schon vorteilhaft darstellen. Die Soziologin und Engagement-Managerin Larissa Heusohn, sagte dazu, Bedachtheit könne oft zu Lügen führen. Kurz: Toleranz, Meinungsbildung, Macht und Freiheit sind  in der organisierten und programmierten Gesellschaft mit Wahrhaftigkeit nicht zu vereinen. Hat also Nietzsche der Philosoph des Willens zur Macht gesiegt?Man müsse auch mal den Mut haben die Dinge auf den Tisch zu legen, meinte Heusohn, deren Vater gerade wegen Antisemitismus in Rechtsprozesse verwickelt ist.

Larissa Heusohn,Soziologin, Leiterin der Freiwilligenagentur “Engagiert in Ulm” las über die diskursive Programmierung der Gesellschaft via Framings

Sie las  einen Auszug aus dem Buch “Politisches Framing-Wie eine Nation sich ihr Denken einredet- und daraus Politik macht, von Elisabeth Wehling. In Politischen Debatten gehe es nicht um Fakten, sondern um Frames, die “Informationen einordnen und selektieren.” So beispielsweise wenn in der Presse verallgemeinend vom Flüchtlingsstrom, oder gar Tsunamie gesprochen werde. Der Strom assoziiere eine unkontrollierbare Bedrohung, die selber nicht in Gefahr sei, gleich einer dunklen Naturgewalt, die nicht abreiße, breit und ohne menschliches Antlitz sei. Diese Formulierungen in der Presse entfernten in der Sprache von Assoziationen wie das Flüchtlinge selber Opfer seien und dass es Zusammenhänge zwischen den Geflüchteten und den Gesellschaften in die sie flüchten gebe. Auch jetzt im Ukraine-Krieg gebe es solche framings, blieb hier aber im Abstrakten. Diese Ansicht gepaart mit dem  farblosen Text einer Wirtschaftsinformatikprofessorin in dem es um die Verfügbarmachung menschlicher Biographien für Programmierer von Avataren.beliebter Persönlichkeiten ging, deuteten in eine andere Richtung, der Gesellschaft der Vorformatierungen und technischer-systematischer Läufe, die alles menschlich große und unzeitgemäße klein und anmgepasst macht, die Nietzsche im Parteiwesen und im Sozialismus heraufkommen sah.

Wahrheit und Politik

Arendt meint in ihrem Text über Wahrheit und Politik, es gebe bestimmte Zünfte denen es auch heute noch, oder heute gerade wieder,erlaubt sei ungescholten die Wahrheit zu sagen: Richter, Berichterstatter, Philosophen,Wissenschaftler, in der Politik hingegen gehe es darum die Welt zu verändern und Möglichkeiten auszuloten, hier gehe es um Freiheit, Repräsentation von Mehrheiten und gemeinsame Zielerreichung, weniger um Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Eher um Dialog,Horizonte der Versöhnungen, Neu-Anfänge eben.War da noch eine vierte Hintergrunderstrahlung an diesem Abend. Der junge Geiger Friedrich Bürgers, hatte mich als er sich verspielt hatte und mit mäßigem Erfolg versuchte keine Miene dabei zu verziehen, auf das ebenso kostspielige Phänomen der unfreiwilligen Wahrhaftigkeit in elitären Kreisen gebracht.In auf Leistung und Performanz ausgelegten Systemen ist Wahrhaftigkeit, zum Beispiel im Sinne von  Eingestehen von Fehlern von Nachteil für die Karriere. In zugespitzter Form gilt dies in Gesellschaften die sich im Zuge von innerer Spaltung und äußerem Krieg rigide gegen Angriffe und Selbstzersetzung von Innen zur Wehr setzen, dahingehend, war der Text den die  Historikerin Nicola Wenge ausgewählt hat sehr aufschlussreich.

In Ersehnung der Deutschen Wiedervereinigung machte sich 1987 der Omnibus für Direkte Demokratie das erste mal auf, bald auch Richtung Osten. Diesen September gastierte er in Ulm

Wahrheit in Zeiten der  gegeneinander aufgestellten Wahrheitsregime

Nikola Wenge die ihre Abschlussarbeit über das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden in der Weimarer Republik geschrieben hat begann also aus dem Text: “Fünf Schwierigkeiten beim schreiben der Wahrheit” von Bert Becht, 1935 im dänischen Exil geschrieben zu lesen. 1.Beim Schreiben der Wahrheit sei es wichtig sich nicht den Mächtigen zu beugen und nicht die Schwachen zu betrügen, auch wenn man davon viele Vorteile hätte. 2.Klugheit sei dabei keine Gesinnungsfrage, sondern die Wahrheitsfindung sei selbst eine lange und schwierige Aufgabe.3. Die Wahrheit sei etwas gewaltsames, sie müsse als Waffe handhabbar gemacht werden, ohne das der Gegner sehe, das es sich dabei um Waffe handle .4. Es sei eine Gruppe auszuwählen in deren Händen sie wirksam werden könne.5.Es sei eine List zu erfinden die Wahrheit unter die Menschen zu bringen.Und noch was über den Geiger, er ist mit 15 Jahren gerade konfirmiert worden und dachte in einem einigermaßen gefestigten Weltbild zu stehen,bis, ja bis er begonnen hat Hariris “Kurze Geschiche der Menschheit zu lesen.”Die Wahrheit ist hinter der Wahrheit, wer die Wahrheit erkennen will muss in die tiefe Denken und sich selbst vergessen.” Deshalb widme ich diesen Text, dem Mann der  für die “Bild” Hans Esser war zum Achzigsten Geburtstag und der Stadt Ulm, mögen beide Welten unter ihrer Ägide, die Göttliche und die Zivile, mögen beide Städte, in dieser politischen Stadt mit- zumindest aber nebeneinander- bestehen können.

In Au naa…Die fridericianischen Verhältnisse zum Tanzen bringen

(Daniel Baz, Erntedank 2022)

Author: farounfirewater

Ich bin der Falke im Sturm der den König sucht. "Ich lebe mein Leben in sich weitenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn, Den letzten, ich weiß nicht ob ich ihn Vollbringe, aber versuchen will ich ihn Ich kreise um Gott um den uralten Turm und ich kreise Jahrtausende lang und ich weiß nicht, bin ich eine Falke, ein Sturm, oder ein großer Gesang" (Rilke)

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