Erzberger 1921

oder die Ermordung eines verhassten Versöhners

Matthias Erzberger, geboren 1875 in Buttenhausen war der erste Finanzminister der Weimarer Republik
                      

“Große Persönlichkeiten sind wie Dome, die einen tiefen heiligen Frieden wirken, gerade wenn sie auf der Straße oder auf dem Marktplatz stehen”(August Hagen)

     
Verheißung

Nicht mehr barfuß sollst du traben,
Deutsche Freiheit, durch die Sümpfe,
Endlich kommst du auf die Strümpfe,
und auch Stiefeln sollst du haben!

Auf dem Haupte sollst du tragen
Eine warme Pudelmütze,
Daß sie dir die Ohren schütze
In den kalten WinterTagen

Du bekommst sogar zu essen –
eine große Zukunft naht dir!-
Laß dich nur vom Welschen Satyr
Nicht verlocken zu Exzessen!

Werde nur nicht dreist und dreister!
Setz nicht den Respekt beiseiten
Vor den hohen Obrigkeiten
Und dem Herren Bürgermeister!

(Heinrich Heine, Schwarz-Rot-Goldene Gedichte, 1842)

Portrait der bilateralen Verhandlungen von Deutschland und Frankreich in Versaille , stehend links Matthias Erzberger, rechts der französische General Foche

Zeitenwende 1921: Von der Monarchie zur Demokratie

In einem Vortrag am Donnerstag dem 14. Juli 2022 brachte uns ein schwäbischer Journalist die Vita des schwäbisch-katholischen Politikers Matthias Erzberger, der durch die umstrittene Unterzeichnung des Friedensvertrages nach dem 1.Weltkrieg bekannt geworden ist, nahe.
Möglich machte den Vortrag im Club Orange in Ulm eine Kooperation der Konrad-Adenauer-Stiftung verkörpert von Michel Salzer und der Volkshochschule Ulm, vertreten von Markus Stadtrecher.Erzberger, der am 20.09.1875 in Buttenhausen im Großen Lautertal geboren ist wurde später Mitglied der katholischen Zentrums Partei und zog schon 1903 als jüngster Abgeordneter in den Reichstag von Königs Gnaden ein. Er war weder, wie damals üblich, von adligem Stand, noch kam der Schneider-Sohn aus einer besonders begüterten Familie. In der Formulierung des Vortragenden und Erzberger-Biographen sei der Buttenhausener ein “Self-Made-Man” gewesen der “durch Fleiß und Glück an Positionen kam. Für die Gewerkschaften zu konservativ und für die Nationalisten zu liberal passte er auch politisch nicht so recht ins Schema. Zu Zeiten in denen im Rüstungswettlauf, der auch mit einem Wettlauf um die Kolonien einherging, die Grundlagen für den Großen Krieg, der heute weithin als “Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts” angesehen wird gelegt wurden, war er gegen die Ressourcen und geldverschwenderische Aufrüstung. Trotzdem war er als strenger Katholik der Auffassung “Frankreich sei vom Glauben abgefallen” und ein Befürworter eines durch Deutschland geprägten Europas und somit zunächst auch den 1.Weltkrieges. Vor der Frau des Chefs der Obersten Heeresleitung General Ludendorff, soll er als eher rechthaberischer Charakter,mit seiner Rolle bei der Verbringung Lenins anno 1917 nach Petrograd geprahlt haben.


Referent Benjamin Dürr links, Bildmitte, Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen


Ludendorff, der als brutaler Stratege ab 1917 immer mehr sinnlos Menschen verheizen ließ, gehörte mit dem Tannenberg-Bund später zu den revisionistischen Kräften in der Weimarer Republik.
Der einflussreiche und erfahrende Politiker Erzberger setzte, als der militärische Sieg immer utopischer wurde, die Resolution des Reichtags anno 17 die Regierung zu Friedensverhandlungen aufzufordern mit durch. Er hoffte wohl das mit der Anerkennung des 14-Punkte-Plans des Amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, Deutschland die schlimmsten Reparationen und Gebietsverluste erspart blieben. Denn dieser pochte auf die Selbstbestimmung der Völker.
Als der französische General Foche in Versaille, nach einem verheerenden Stellungskrieg wenig Anstalten machte, dem deutschen Verhandlungsführer Zugeständnisse zu machen, hatte Erzberger zunächst die Mehrheit des Kabinetts gegen den Knebel-Vertrag von Versaille. Seine “Einsicht in die Aussichtlosigkeit” einer erneuten Aufnahme des Krieges, vermochte es aber laut Dürr doch, die Mehrheit der Minister von der Unterzeichnung des Vetrags, den er später selbst als “Teufelswerk” bezeichnete zu überzeugen. Erzberger war laut Dürr als Politiker ganz in Berlin verortet und hatte nur wenig direkten Kontakt zu seinem Landkreis in Biberach, was ihm Vorteile für “die große Politik” bot. Erzberger, der 1919 im Weimarer Parlament Finanzmister wurde und in bemerkenswerter Geschwindigkeit, die Grundlagen des heutigen Zenralstaats mit seiner Steuerreform und seines sozialistischen Momentes der erweiterten Erbschaftssteuer legte, war in den beginnenden 20er Jahren einer der bestgehassten Staats-Männer des Landes.

Das massenweise Scheitern der zivilen Integration von Soldaten besiegter Armeen, zeigte sich auch in Afghanistan und noch mehr im Irak als Hauptressource von Partisanenorganisation und Infrastruktur

Nachkriegszeit, Verunsicherte Gesellschaft, Attentat

Die Gesellschaft in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, so Dürr, den Historiker Ernst Troesch
zitierend, glich einem “Traumland, wo jeder sich die Zukunft vorstellen konnte wie er wollte, pessimistisch oder optimistisch.”
Der Große Krieg den man als Endpunkt der “schwindelerregenden Zeit” der maschinellen Industialisierung an der Schwelle zur Verbreitung der audio-visuellen Medien sehen kann, hatte in Deutschland 1/5 der Bevölkerung als desintegrierte und desillusionierte Ex-Kriegsteilnehmer hinterlassen. Der moderne Staat sah sich nicht in der Lage diese durch Arbeit und Perspektive zu integrieren. So entstanden Frei-Corps wie die Organisation Konsul, die die drückenden Auflagen des Versailler-Vertrags gewaltsam abzuschütteln trachteten und die auch zu jener Verrohung und Gewaltbereitschaft beitrugen, welcher Erzberger ab 26.08.1921 in Kniebis im Schwarzwald durch ein Attentat der Organisation Konsul zum Opfer fiel. Ein anderer nicht erfolgreicher Attentäter auf Erzberger schilderte im Polizeiverhör,er habe die Rolle Erzbergers in der Presse verfolgt und sei zu dem Schluss gekommen, diese Person müsse “beseitigt” werden. Die Medien trugen unabhängig von der Richtigkeit der Anschuldigungen, so wurde Erzberger von rechten Medien Steuerhinterziehung vorgeworfen, zu einer Aufheizung der Stimmung im Volke bei.Es gebe sicher Parallelen zur heutigen Gesellschaft mit ihren Herausforderungen von Klimawandel,Digitalisierung und Krieg in denen der Staat in den Augen vielen wieder nicht viel Schutz zu gewähren in der Lage sei. Aus undurchsichtigen Handlungsketten und unüberschaubaren Gebieten hälfen heute wie damals Verschwörungstheorien, damals hießen sie Dolchstoßlegende, heute heißt sie vielleicht The-Great-Reset. Auch Fackelmärsche vor die Privathäuser von Politikern, Drohbriefe mit zunehmend lebendig verendetem Inhalt bis hin zu gezielten Attentaten wie das auf den Hessischen Landrat in Kassel, Walter Lübcke seien Beispiele einer Grenzüberschreitung einzelner,die die Verrohung verstärke und aufzeige, wie kurz manchmal der Weg von Worten zu Taten sei.

Das Selbstbeschränkungsgebot bei Gewalt seitens demokratischer Regierungen gegen die Bevölkerung im Inneren gilt laut Herfried Münkler(Imperien[2005]) als Wachstumsbeschleuniger von Partisanen-Bewegungen

Wehrhafte Demokratie: Die BRD ist nicht Weimar

Die Demokratie in Weimar war ein zartes Pflänzchen, es gab noch keinen staatlich organisierten Personenschutz für Politiker, Erzberger wurde zwar angehalten eine Waffe zu tragen, lehnte dies allerdings ab. Matthias Erzberger,als Politikerpersöhnlichkeit, den man für seine Zeit durchaus als katholischen Nonkonformisten bezeichnen darf, sei aber in heutiger Zeit aus mehreren Gründen bedenkenswert und auch teils noch immer Vorbild, so Dürr.

Politik braucht Wandelmut, Haltung und Augenmaß

Er hatte den Mut sich gegen die vorherrschende Meinung zu stellen. Es könne in einer starken Demokratie, das Wort wehrhaft verwendet Dürr nicht, nicht angehen, dass Politiker die große Entscheiungen fällen um Leib und Leben fürchten müssten.
Zweitens hatte Erzberger Rückgrad und folgte trotz dem Wind der ihm gerade zuletzt, sehr nordisch entgegen bließ, seiner katholischen Überzeugung, nicht aber ohne, und das wäre der dritte bedenkenswerte Punkt: so intelligent zu sein, bei einer sich verändernden Situation auch die Richtung zu wechseln. Die Idee der Organisation Konsul der beide versehrte Weltkriegsveteranen
angehörten war es durch die Ermordung des “Volks-Verräters” Erzberger linke Proteste hervorzurufen, die dann von rechten Kräften niedergeschlagen würden um dann die Macht im Staate von rechts zu übernehmen. Ingesamt schätzte der Vortragende die BRD als gefestigtere Demokratie als ihre Vorläuferin in Weimar ein. Die Eliten stützten in der Breite, dass in eine starke europäische und internationale Zivilgesellschaft eingebundene bundesdeutsche Herrschaftsgefüge. Aus dem Publikum wurde beigesteuert das zu den drei Kriterien für den Zerfall der Demokratie in Weimar: 1. Angst und Verunsicherung im Volk 2. Verrohung der Umgangsformen und 3.Gewaltsamer Grenzüberschreitungen Einzelner, noch ein viertes Kriterium hinzukommen könne, nämlich die Organisation und die Unterstützung durch staatliche Organisationen. Die geheime Zentrale der Organisation Konsul sei nämlich in München gewesen und die Attenäter lebten dort in der Maximilianstraße, dort wo auch das erste Zentrum der nationalsozialistischen Bewegung zu verorten gewesen sei. Erzberger der in der Hauptstadt seines Wahlkreises in Biberach beerdigt wurde wurde laut Dürr von 1000en Menschen bei seinem letzten Gang auf Erden begleitet. Trotzdem, so der ebenfalls aus der Nähe von Buttenhausen stammende Erzberger-Biograph, sei der Name Erzberger in den 60er,70er und 80er Jahren, laut Informanten aus dem Kreise der Familie des Politikers als Schimpfwort gebraucht worden.

Werde nur nicht dreist und dreister!
Setz nicht den Respekt beiseiten
Vor den hohen Obrigkeiten
Und dem Herren Bürgermeister!

(Heinrich Heine, Verheißung, Strophe 4)

15.07.22 Daniel Baz Ergänzungen und Kommentare an Daniel.Baz@gmx.de

Author: farounfirewater

Ich bin der Falke im Sturm der den König sucht. "Ich lebe mein Leben in sich weitenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn, Den letzten, ich weiß nicht ob ich ihn Vollbringe, aber versuchen will ich ihn Ich kreise um Gott um den uralten Turm und ich kreise Jahrtausende lang und ich weiß nicht, bin ich eine Falke, ein Sturm, oder ein großer Gesang" (Rilke)

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