Rock dein Parkplatz 2: Freisinn und Frohsinn

Eröffnungslied der Feierstunde für den Gesangsverein Frohsinn Laichingen in der Daniel Schwenkmetzger-Halle in Laichingen

“Angenommen die Weisheit wäre ein Weib…”(Nietzsche, Zur Genealogie der Moral)

“Ein Bauer pinkelt durch die Ritze, drinnen flog die Sense um, ab war seine Spitze,
ein Stump bleibt ihm zum Trost, Prost”

(Trinkspruch überliefert von Simon aus Riedheim)

“Pervers ist das was die Gesellschaft nicht versteht”

“Pervers ist wenn keiner mehr mitmacht”

(Sprüche, Dennis Riegel, BDSM-Shop SM-Only)

Rock-Dein-Leben:Das Gold-Ochsen-Banner als Eingangstor zum Bier-Swimming-Pool

Rock dein Leben am Samstag

Lang war die Nacht von Donnerstag auf Freitag auf dem Parkplatz des Rock-Dein-Leben-Festivals; und ähnlich sollte die Nacht von Samstag auf Sonntag sein. Donnerstag prägten den Ausklang lange und tiefe Männergespräche, am Samstag war der gemeinsame Gesang, der Atem der ermüdenden Festival-Seele. “Bin ich nur glücklich wenn es schmerzt, ich schenk dir mein gefrornes Herz”, hallte es auf der Suche nach dem fahrbaren Untersatz noch lange nach. Doch hintereinander! Zuerst war noch die nicht beantworteten Anfrage über eine Berechtigung über Freiwild als Schlussact doch auch vom Konzertplatz berichten zu können im Wege um einen entspannten und
für die Leserschaft interessanten Abend zu haben. Also machte sich der Autor wieder in die Wälder
rund um den Flugplatz um einen Weg zu finden, einen größeren Personenkreis an dem Event teilhaben zu lassen und nicht pleite zu gehen. Als er einen Weg gefunden hatte, auch als Infantrist, quasi zumindest von oben etwas zu sehen spielten die Taucher gerade ihr erstes Lied an “Wir sind Piraten”, davon motivational bestärkt stärkte er sich erst mal leiblich unten mit einer Balinger Onkelz-Supporter Family unter der schwarz-Rot-goldenen Flagge des Königreichs Württemberg.

Uli Baumeister spielte am Samstag als Lokal-Matador für Charly Feel-Good

Frank und Frei: Frohsinn statt BRDigung

Das unbekannte Line-Up lies Platz für Begegnungen und Gespräche. Um 20 Uhr sollte BRDigung spielen, nach dem JBO am Freitag anscheinend gefeiert wurden, ein lockerer Einstieg in den Höhepunkt und Abschluss des Abends, die Vereinigung von Alb und Alpenflair mit Frei.Wild. Leider fühlte sich der Autor noch aus alten Sänger- und Lokalreportertagen mit den Sängerschaften im Gäu verbunden und um 19 Uhr hieß es 150 Jahre Gesangsverein Frohsinn Laichingen, ein Jubiläum, welches wegen Corona 2021 nicht stattfinden konnte. Und mehr noch in dem dafür einstudierten Singspiel wollte der laichinger gemischte Chor die zunächst patriarchale Geschichte des Vereins seit 1871 theatralisch und gesanglich revue passieren lassen.
Der Bruch vom Festival zu der bestuhlten Veranstaltung mit Chor und etwas 250 meist ergrauten Gästen in der bestuhlten Halle war etwa der zwischen dem Lied Fuck Corona der Band Hämatom und der Volksweise Am Brunnen vor dem Thore. Der Autor Franz Schubert formulierte es so: Nun bin ich manche Stunde entfernt von diesem Ort, noch immer hör ichs raunen, du fändest Ruhe dort. Trotzdem war der überregional bekannte Laichinger Weberdichter der auch am Ende des 19. Jahrhunderts in Laichingen wirkte wohl eher nicht im damals auf Geheiß der Obrigkeit reinen Männerchor. Grund: Es waren meist Meister und Lehrer, keine armen Leute in den Chören vertreten. Zwar waren merklich keine vom Festival im Publikum, wohl wurde aber der Auftritt zum Frühschoppen beim RDL des Musikvereins Laichingen gerade von lokalen Festivalbesuchern gefeiert. Vielleicht ist diese Wiederaneignung von Traditionen durch die junge Generation wie damals die Sängerschaften ein gutes Zeichen. Denn der Veranstaltung des Frohsinns ging völlig jenes kritische, besorgte, wenn auch nicht das heimatorientierte von Freiwild und Konsorten ab, dabei lernte man hier in größerer Tiefe etwas über Nationalgeschichte, Männerbündigkeit und die gesellschaftlich-gesellige Uniformierung in Kriegszeiten.Und dazu von der Vorsitzenden Elke-Tuchnowski, die ironische Weisheit des Buddha, Probleme entweder zu lösen oder sie lieber nicht mehr als solche zu titulieren. Denn der Frohsinn ist wie viele andere Männergesangs- und Schützenvereine in der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges anno 1871 entstanden, die Frauen mussten, vielleicht in tragischer Analogie zu der Empfehlung des einen beheizten Zimmers im “krimmigen” Winter 22, mit der Lichtstube vorlieb nehmen.
Das Singspiel war mit seinen zwei Spielstätten, einmal dem Experteninterview über die Zeit und Sangeskultur zur Vereinsgründung und zum zweiten den Proben der Männer- Frauen- und ihren konurrenziellen Festen inhaltlich wie formal gelungen und authentisch wiedergegeben. Und macht richtig Lust in der frisch geschriebenen Vereinschronik nochmal nachzulesen. Schön war, dann doppelt, dass trotz leuchtender Ausnahme, nach wenig Resonanz bei den Honoratioren für kritische Betrachtungsweisen, der Abend, dann doch auf dem Festivalmit Liedern der Onkelz im Wechselgesang und Chor endeten.Auch wenn die Onkelz, sich so der Volksmund für das RDL zu teuer sind.

Ficken für den Weltfrieden:

Zurück auf dem Gelände meint der von Trinkspielen gezeichnete Alex aus Mainz, die Leute sollen nicht mehr trinken, sondern mehr Sex haben, jeder mit jedem. Ein paar hundert Meter weiter halten Jungs: “Ficken für den Weltfrieden-Plakate” auf einem Traktor posend in die Luft. In dieser augeheizten Stimmung ist es gerade passend kein Konzertticket zu haben, denn gegenüber ist ja der BDSM-Shop.Als ich eine dicke Peitsche mit Leder-Streifen begutachte, tippt mich Dennis, der Stand-Inhaber an und sagt, “die ist so dick, damit beim Peitschen kein Schmerz sondern nur Druck und Ziehen entstehen.” Nachher kommt ein Mädchen, dass ich vom Parkplatz kennen und will mich unbedingt auspeitschen. Da fällt mir der kontroverse Spruch von Nietzsche ein: “Wenn du zu Frauen gehst, vergiss die Peitsche nicht.” Ich frage ob das auch mit Tantra zu tun habe. Er meint, nein, Tantra nutze zwar auch die Polarität zwischen Mann und Frau und Schmerz und intensive Gefühle, beim BDSM. Ausgeschrieben. Bondage, Devotion, Sadomaschism stehe aber über allem die klare Rollenverteilung zwischen Dom und Sub. Also zwischen Führer und Geführtem. Einen gang weiter zieht uns das Bild von Emily mit ihren nur durch schwarzes Klebeband verhüllten Brüsten an, die sich als Dennis Freundin und die Sub, in ihrer Beziehung später dazugesellen wird. Er ist total angenehm und informiert und es entwickelt sich ein Gespräch, dass so lange und angeregt ist, dass wir erst nach einer halben Stunde bemerken, dass Freiwild schon spielt.
Seine Philosophie beginnt mit der Wahrnehmung, dass in unserer Gesellschaft Sexualität nach einem herrschaftlich moralischen Bilde geprägt würde, was Stauungen in den Menschen hinterließe. Weiterhin geht Dennis davon aus,die meisten Menschen seinen entweder dominant oder devot.
Irgendwie öffnet mir das auch irgendwie die Augen für einen anderen Blick auf das Festival.

Tobi aus Mainz aufm Parkplatz brachte mir das neue Rammstein-Album näher

Unten und Oben mal Anders

Leute wie der Sänger von Frei.Wild sind eben dominant und durch ihre Lebenssituation in Südtirol und ihr Verhältnis zu den Medien unterdrückt. Andere sind devot, deshalb fügen sie sich gerne in den Rahmen dieser Band. Schon nach demGespräch mit Oli aus Balingen, dessen Tochter sich heimlich auf dem Festival, ein Zungenpiercing stechen ließ, zeigt sich, dass das nur ein Spielfeld sein kann und die Realität komplexer ist, ein Spielfeld aber, so Emily Addams die gerne BDSM-Darstellerin werden möchte, dass auch befreienden Charakter habe. Dennis bestärkt sie aber zuerst das Back-Up ihrer Ausbildung fertig zu machen. Sie will ihm als Sub gefallen und hält sich daran. Dennis weiß und reflektiert, dass in der Szene viele Narzissten seinen, die ihre Rolle als Dom schamlos ausnutzten. Er sähe es aber so: “Je besser ich sie behandle, desto lieber will sie mir gehören.”
Emily, die sich mit ihren 21 als ziemlich reife Seele entpuppt meint.Devot zu sein heißt absolutes Vertrauen. “Ich gehe zu Dennis und sage ihm: Hier ist meine ganze Existenz, mach was daraus!”
Auch gebe es für das rein sexuelle Spiel, denn gerade die weibliche Sexualität, dass kann man spätestens seit Oswald Kolle wissen ist sehr sehr reich, auch Stopwörter, die immer in den Händen der Frauen seinen.Dennis der zwei Büchlein zu dem Thema feil bietet, meint viele LBTQ-Leute, also Feministen, seinen zunächst kritisch gegenüber der klaren Rollenverteilung zwischen Mann und Frau.

Das Mädel vom Parkplatz übt sich beim “Meister” mit der Peitsche

Ist BDSM pervers?

Ich erinnere mich an die Bastion auf den Hügeln um das Festival auf die gesprayed steht: Fuck LBTQ. Er meint, da die Frau auf Orgien und Fesselpaties immer den Schlüssel zum stop in der Hand habe und es auch Wächter der Regeln gebe, die Frau aber dabei das ganze Spektrum ihrer Lust gegen die gesellschaftlich geprägten Konventionen leben könne, sei BDSM der reinste Feminismus. Der Sänger von Frei.Wild bedankt sich gerade dafür das, dass neue Album von Fans auf Nummer katapultiert wurde. Da erzählt Emmily Addams von ihren Träumen mit 7 oder 8 von der Kitzelmaschine und von der Szene im Asterix-Film wo Mirakulix der Druide gestreckt wurde.
Dennis meint in Deutschland und auch in der Großstadt gelten Frauen mit mehreren Sexualpartnern immer noch als Schlampen, bei Männern würde ein promiskuitives Sexualverhalten eher ein Zeichen von Potenz gewertet. Emily und er haben beide mehrere Gespielen.Bei BDSM sehen die meisten Leute den Topf von außen, wirklich erfahren und somit werten könne man nur wenn man es selber ausprobiere. Das Mädchen von vorher ist leider längst auf dem Frei.Wild-Konzert.
Der Stand hier sei nicht zum kommerziellen Erfolg, sondern zur Werbung gedacht, die junge Generation verprüdere zusehens und hier werde kaum gekauft.Trotzdem hat meine Parkplatz-Nachbarin mir schon ihren abgebrochen Hiebstock gezeigt. Emily sagt mir bevor sie duschen geht, sie hat nachher noch 2 Sessions, ihre Instagramm-Adresse:
Emily Addams, devotion pride and masochism.

Dennis Riedel(dominant)und Emily Addams(devot aus Mittelhessen) sind ein Pärchen

Zusammenstag

Danach fängt es bei Frei.Wild zu regnen an. Der Sänger ruft zum bleiben auf, das funktioniert noch bei Land der Vollidioten. Der Kern ist die Identität, Heimat und Verantwortung für Land und Kinder ist Frei.Wild wichtig. Als sie unter zunehmendem Regen singen, “die Zeit vergeht, immer neu, keine Ahnung wo michs hinverschlägt”, plätschern Hunderte von den rund 8000 Fans zum Ausgang. Mein Begleiter meint: Das sind die Hippster die auf Rechts machen. Ich flüchte mich wie
ein begossenes Mädchen in ein etwas abgelegenes Zelt. Die Technik streikt, eine Stagehand muss uns leider das Licht abstellen, wir müssen zusammen rücken.Es läuft der Song: keine Angst. Dann
kommt ihr Freund und ein Trupp Polizisten beziehen Stellung für das das Ende des Konzerts.
Der italienische Freund aus Mühlhausen des Mädels holt ihn ab, mögliche Weise wollen wir mal zusammen texten.Freiwild bedankt sich für das geile emotionale Publikum und es ist ein Langos fällig, der erste seit Ende der 90er aufm Sziget. Ein Langos auf die Freundschaft. Ich fahre meinen Freund heim, er muss seine Tochter ins Bett bringen. Ich fahre nochmal hin und spreche mit Jungs Dorfjungs nach dem Song “Nur die besten sterben jung” über verlorene Angehörige und suche nach “Bin ich nur glücklich wenn es schmerzt” noch vergeblich nach der für die ihr diese Lieder sing, nach der die meinen Geist nach Hause bringt..Dann zurück nach Hermannsbühl. Morgens erwachen und dann kam Sie:

Ich lag und schlief, und schlief und recht mild,
Verscheucht war Gram und Leid;
Da kam zu mir ein Traumgebild,
Die allerschönste Maid.

(Heinrich Heine, Die Blasse, Strophe 1)

Historische Fahne des inzwischen gemischten Chores Frohsinn aus Laichingen

Author: farounfirewater

Ich bin der Falke im Sturm der den König sucht. "Ich lebe mein Leben in sich weitenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn, Den letzten, ich weiß nicht ob ich ihn Vollbringe, aber versuchen will ich ihn Ich kreise um Gott um den uralten Turm und ich kreise Jahrtausende lang und ich weiß nicht, bin ich eine Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang" (Rilke)

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