Sophie Scholl

100 Jahre Verantwortung und Freiheit

Bericht von der Gedenkveranstaltung der Stadt Ulm

Ich lebe mein Leben in sich weitenden Ringen

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

(Rainer Maria Rilke)

Viele historische Geburtstage gibt es dieser Tage. Nur zwei Beispiele Sophie Scholl wäre am 09.05.21 100 Jahre geworden, Joseph Beuys am 12.05.21. Die widerständige Studentin und der provokative Politkünstler, beides Menschen die die Deutsche Nachkriegsgeschichte geprägt haben. Beuys als Aktivist für mehr Demokratie, Ganzheitlichkeit und Kunst, Scholl als des junges Gesicht des antifaschistischen Widerstandes. Beide werden gegenwärtig wieder entdeckt im Ringen um eine Kulturtransformation welche Nachhaltigkeit und Wachstum in Freiheit zu verbinden vermag. Sicherlich auch eine hohe Kunst.

Die Familie Scholl ist 1934 nach Ulm gekommen. Ulm hatte schon seit dem Mittelalter einen Rat der Patrizier, den man als Vorläufer der Demokratie sehen kann, das Titelbild dieses Berichtes hängt im Ratskeller des historischen Ulmer Rathauses. Das Ulmer Theater gilt als das älteste Tehater Deutschlands und Friedrich Schiller, ein Protagonist der theatralisch repräsentativen Demokratie hat Sophie und mehr noch ihren Vater Robert der nach dem Krieg Bürgermeister von Ulm wurde geprägt. Von hieraus wird der Vortrag ohne Publikum übertragen.Das Bedürfnis des Menschen nach Freiheit,Verbundenheit und Mitbestimmung hat der Dichter in den schönen Ausspruch gegossen:

“Der Mensch ist nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch wo er spielt”

Barbara Beuys über Sophie Scholls Erziehung

Barbara Beuys hat 2010, die bisher umfangreichste Biographie Sophie Scholls geschrieben und deshalb wollte sie nichts über die bereits bekannten letzten Tage im Ringen mit den Gestapo-Verhörern im Müncher Gefängnis erzählen. Vielmehr erinnert die Historikerin eingangs an den 01.09.1945 wo der totale Krieg nach Außen und Innen durch die Unterschrift eines Wehrmachtsgenerals in Berlin formal beendet wurde.86 Jahre ist das her. 86 Jahre hätte Sophie Scholl, diese liebenswürdige, aufmüpfige und lebensfrohe junge Frau auch werden können, wie so viele andere ist sie aber jung gestorben, allerdings nicht wie die meisten Soldaten im Kampf für das Vaterland, sondern im Widerstand dagegen. Im vor dem Vortrag aus der Martin-Luther-Kirche gestreamten Gottesdienst Scholl zu ehren wurde noch bedrückend, und doch erfüllt von innerster Kraft einer Christin, aus den Geburtstagsgrüßen zum 20. von ihrer Mutter gelesen. “Ich wünsche dir die Fülle des Glückes, der Hoffnung, des Schönen.”Im Podium nach dem Vortrag wurde aber klar: Sophie Scholl wurde außerhalb der “warmen Kreise”, die um Inge Scholl und Ottl Aicher die ebenso widerborstige Hochschule für Gestaltung in den 50ern aufbauten, in Ulm keineswegs verehrt. Gerade deshalb ist es in Zeiten wo die Schatten einer zutiefst normal gewordenen atomistischen Lebenskultur uns auf die Füße zu fallen drohen wichtig, sich das Lebensbild der zweifelnden naturnah lebensfrohen Sophie genau anzuschauen. Was führte zu der manchmal fast traumwandlerisch anmutenden Selbstsicherheit der jungen Philosophiestudentin Sophie Scholl?

Was ich bezweckte, war die Weckung der studentischen Kreise, nicht durch eine Organisation, sondern durch das schlichte Wort, nicht zu einem Akt der Gewalt, sondern zur Einsicht in bestehende schwere Schäden des politischen Lebens(Kurt Huber, die Weiße Rose)

Im Kern sind es in meiner Sicht Vorbilder; dass einer Familie wie derer der Scholls, die Beuys, als warmen Kreis bezeichnete, der die Kinder zu selbstbewussten Menschen heranzubilden ermöglichte, mit Rückgrat und doch kommunikationsoffen. Ob der heute für die ÖDP engagierte Scholl-Neffe Julian Aicher auch so mit Flrian Aicher umgeht? Wie fehlt das doch heute: die warmherzige, wertschätzende Kommunikation zwischeneinander, gerade bei Streitthemen? In dem Theaterstück “Es lebe die Freiheit” zu Ehren ihres Bruders Hans kommt die verletzungsoffene manchmal verletzende Weltoffenheit und Sehnsucht zum Tragen welche die Nazis als entartet verfolgten(https://derweiserabe.wordpress.com/2018/10/14/es-lebe-die-freiheit/).
Zwischen dem “Evangelium der Freiheit Schillers”- als geistige Mitgift des Vaters Robert und dem “fröhlichen Gottesglauben” der Mutter entstand eine demokratische Kultur, die selbst gegen den Willen des Vaters die für HJ und BDM entbrannten Kinder gewähren lies. Hier waren Konflikte nichts spaltendes, sondern Widersprüche und verschiedene Positionen konnten am Mittagstisch der Scholls ausgehalten und für alle bereichernd ausdiskuttiert werden. Und so gelobte Sophie dann auch tragischer Weise einem höheren weltlichen Führer als Ihren Vater die unverbrüchliche Treue:Adolf Hitler.Einige bittere Erfahrungen mit dem großen Reich später wird ein sehr christlich motiviertes Flugblatt der Weißen Rose sagen: “Man muss das Böse in seiner größten Macht angreifen. Und seine größte Macht ist Hitler.” Als Scharführerin kurz vor dem Krieg aber beherzigte sie noch den Leitsatz des Bundes Deutscher Mädels, kurz BDM : “Stark und stolz zu grade um Streber oder Duckmäuser zu sein”
Gaben doch die Führer des Nationalsozialismus Sophies Werte Freiheit und Sozialismus auch als die ihrigen an.

Und handeln sollst du so , als hinge

von dir und deinem Tun allein

Das Schicksal ab der deutschen Dinge,

Und die Verantwortung wär´ dein.

(Johann Gottlieb Fichte)


Doch Treue, so zitiert ihre Schwester Inge ihren großen Bruder Hans in ihrem Buch “Die Weiße Rose”, habe doch ihren Grundstein in der Treue zu sich selbst. So sah die junge Wissenschaftler in Bachs fordernden Partituren ihren größten Lehrerin. So enddeckte sie das Reich der geschlechtlichen Liebe. So las Sophie den “großen Liebenden” Rilke am Lagerfeuer und rauchte ganz gegen die NS-Vorgaben mit ihrer heute fast ikonisch gewordenen Kurzhaarfrisur.Auf der Suche nach Gott in Ihr und großen Idealen für die es sich zu leben lohnt war sie inmitten einer atheistischen Nation deren Führung anderes im Schilde führte . Ihrem Freund Fritz Hartnagel schriebt die 17 Jährige, auf seine Schilderungen von der Front in Polen, laut Barbara Beuys:


“Ich kann es nicht begreifen das dauernd Menschen von anderen in Bedrängnis gebracht werden, sah nicht es ist für´s Vaterland.”

“Sie haben uns uniformiert, revolutioniert, und narkotisiert…” heißt es in einem Flugblatt, den Sophie und Hans waren beide den NS-Jugendorganisationen und ihrer Adaption alter nicht national-sozialistischer Jugendorganisationen auf den Leim gegegangen. 1941 fahren die beiden zum ersten Mal nach Stuttgart um Flugblätter im Gepäck.Von nun an beginnt die Laufbahn, die einerseits zu ihrem viel zu frühen Tod, andererseits zu unserem Gedenken an die tapfere Außenseiterin im Zeitalter der Exteme führte.”Diese Freiheit war eine Lüge, der erzwungene Krieg lies niemand eine Wahl” das spürt sie schon beim ihr vom uniformierten Kollektiv aufgezwungen Reichsarbeitsdienst.
Ab Mai 1942 schreibt sie sich an der Ludwig Maximilians Universität in München für Bio und Philosophie ein.Das passe zu ihr, so Beuys. Einerseits eine Orientierung an den Dingen wie sie faktisch sind und gesehen werden(Bio) und andererseits eine tiefschürfende sprirituelle Wahrheitssuche.
Aus der theatralen  Abschlussszene könnte man noch hinzufügen, weil es ohne Wahrheit kein Glück gibt.

Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion.Aus der Vernichtung alles Positiven hebt sie ihr glorreiches Haupt als eine neue Weltenstifterin empor…Wenn Europa wieder erwachen wollte, wenn ein Staat der Staaten, eine politische Wissenschaftslehre uns bevorstände! Sollte etwa die Hierarchie…das Prinzip des Staatenvereins sein?

(Novalis, zititiert nach Flugblatt IV, Die Weiße Rose)

Die warmen Kreise der Gewissensgemeinschaft

                                           

Es scheint genau jene Gemeinschaft von Andersartigen, “selbst-denkend” und “selbst-wertend” und in der Tiefe Verbundenen, die um Sophie Scholl in ihrer Familie und weit darüber hinaus einen warmen Kreis zog. Joseph Beuys war er es der mit seinem Begriff der Wärmefelder darauf hinwies, das Wärme und Kälte grundsätzliche soziale Bildekräfte seien und der mit seiner ökologischen Kunst die Grenzen zwischen Kunst, Philosopie, Politik und Aktion in wärmebildenden Prozessen niederzureißen trachtete.
Und dieser lebendige Geist ist es der Katja Raiff von Fridays for Future, die Joseph Beuys und seine denkerische Vorarbeit vielleicht noch gar nicht kennt, begeistert.Von den Queerdenkern, die mit zwei negativen Bezügen von Barbara Beuys und des nachfolgenden Podiums trotzdem die Gedenkveranstaltung umrahmten, war niemand eingeladen worden. Freidenker ist auch eine schönere Bezeichnung. Auch die Fehlerhaftigkeit und die daraus resultierende Lernfähigkeit und hinter allem der Mut, der die junge Ulmerin damals wohl motivierte inspiriere Katja Raiff den Konsequenzen der atomistisch-konsumistischen Lebensform entgegenzutreten.


Freiheit meint sie, hätten wir ja schon, sie wolle für soziale Gerechtigkeit kämpfen. “Nicht abseits stehen, weil es abseits kein Glück gibt”(…)meint die Sophie in der abschließenden Theaterszene. Es wäre interessant ob sie das und wenn ja, in welchem Kontext gesagt hat. Ich erinnere mich da eher an die Stelle in Inges Buch, wo Sophie Hans nach einem langen Monolog sinngemäß sagt “Du stellst nur die großen Worte für dein unsicheres Fühlen.” So empfand ich zumindest das Abschlussplädoyer der Historikerin Beuys, wo sie sagte von Sophie Scholl könne man lernen das Gehirn zum Denken zu gebrauchen, ohne Angst vor Gefühlen und falschen Mythen überrannt zu werden.Das glaube ich nicht, denn Sophie hat sich nach meinem Empfinden dem ganzen Menschen in ihr hingegeben. Das was man mit den Worten, Wahrheit,Liebe,Licht, Gewissen, Gott und Sehnsucht umschreiben kann. Denn oft stand sie im Bangen und dem Verzweifeln nahen zweifelnd, nur ganz zuletzt aber stand sie allein und nahm das Urteil an im Wissen richtig gehandelt zu haben. Genau so wie ihr philosophischer Freund der Philosophie- und Psychologieprofessor Kurt Huber.Das Ihnen niemand helfen konnte bewegt uns heute. Von Joseph Beuys können wir lernen das der geistige Pol den Bewegungspol braucht, wie die Kälte die Wärme und in diesem Spannungsfeld könnten wir einander Wärme spenden, auch wenn wir jeder für sich grundlegend anders sind: gemeinsam. Im Film Sophie Scholl, Die letzten Tage, von Mrc Rothemund(2005) entsteht kurz vor der Hinrichtung als Christoph, Hans und Sophie sich das letzte Mal umarmen diese Atmosphäre des seelisch gelassenen geistigen Christentums: “Keiner hat größere Liebe als der, welcher sein Leben gibt für seine Freunde” spricht er wie in einer höheren Einheit mit ihr befindlich Sophie zu. 

Ich lebe mein Leben in sich weitenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Rainer Maria Rilke

Author: farounfirewater

"Ich bin nur ein kleiner Wicht, der der Welt das Recht abspricht, dass sie mir das Rückgrat bricht "(Auszug D.B 97)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s